Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Der bösartige Knoten in der Brust, auch Mammakarzinom genannt, wird in Deutschland jedes Jahr bei über 70 000 Patientinnen diagnostiziert. Ab dem 50. Lebensjahr steigt das Risiko, nach dem 70. Geburtstag nimmt es wieder ab. Die Diagnose ist erst einmal ein Schock – aber längst kein Grund mehr zu verzweifeln: „Rechtzeitig erkannt, sind die Heilungs- und Überlebenschancen besser denn je“, betont Prof. Nadia Harbeck, Direktorin des Brustzentrums des LMU Klinikums München.
Überlebensrate bei Brustkrebs hat sich verdoppelt
Die allermeisten Fälle sind heute heilbar, die Überlebensrate hat sich im Vergleich zur Generation unserer Mütter verdoppelt. Und die Erfolgsgeschichte geht weiter: „In atemberaubender Geschwindigkeit tun sich immer neue Therapiemöglichkeiten auf“, so die renommierte Brustkrebs-Spezialistin. Künstliche Intelligenz (KI) spielt in dieser Entwicklung neuerdings eine wesentliche Rolle: KI kann enorme Datenmengen in kürzester Zeit analysieren. Dabei erkennt sie bestimmte Muster und sogar biologische Zusammenhänge. Auf diese Weise beschleunigt KI das Tempo der Forschungen erheblich. Prof. Harbeck ist überzeugt: „In vielen Bereichen der Krebsmedizin kann KI in Zukunft zu einer besseren Versorgung der Patienten beitragen.“
Brustkrebs-Behandlung heute: optimiert, präzisiert, beschleunigt
Dank KI ist es möglich, Krankheitsverläufe genauer vorherzusagen und Therapien besser anzupassen. Forscher am LMU Klinikum München haben ein KI-Modell geprüft, das abschätzt, wie groß bei dem Brustkrebstyp HR+/HER2- das Risiko für Fern-Metastasen ist, die sich also in entfernt liegenden Organen wie dem Gehirn oder der Leber ansiedeln. Trainiert wurde das Modell auf Basis umfangreicher medizinischer Daten von rund 7 800 Patientinnen aus 80 Brustkrebszentren in Deutschland. Das Ergebnis: Die KI konnte das Risiko präziser einstufen als bislang gängige Verfahren. „Diese Risiko-Einstufung hat Einfluss darauf, wie die Therapie nach der Operation aussieht“, erläutert Prof. Harbeck.
So wird die Entdeckungsrate von Brustkrebs um 18 Prozent gesteigert
Beim Mammografie-Screening, zu dem Frauen zwischen 50 und 75 Jahren alle zwei Jahre eingeladen werden, könnte KI bald zum Einsatz kommen. Bislang ist es üblich, dass Radiologen die Röntgen-Aufnahmen der Brust nach dem Vier-Augen-Prinzip begutachten. Das Ergebnis einer großen deutschen Studie zeigt nun: Wird dieses Prinzip durch künstliche Intelligenz ergänzt, steigt die Entdeckungsrate für Brustkrebs um fast 18 Prozent. Mit anderen Worten: Die KI sieht mehr als der Mensch. An großen Brustkrebszentren wird KI deshalb bereits als zusätzliches Sicherheitsnetz beim Begutachten von Mammografie-Aufnahmen eingesetzt.
Dank KI dem Krebs gewachsen
„Für künftige Krebstherapien bietet KI ein enormes Potenzial“, bestätigt Dr. Hanna Heikenwälder. Die Molekularbiologin forscht an der Uni Tübingen zur Entstehung von Krebs. „Mit KI an unserer Seite sind wir zum ersten Mal der Komplexität von Krebserkrankungen gewachsen, wenn nicht sogar ihnen überlegen.“ Menschliche Entscheidungen kann künstliche Intelligenz nicht ersetzen. „Aber KI-Systeme sind unterstützende Werkzeuge, um Diagnosen zu verbessern“, erklärt die Krebsforscherin.
So werde eine künstliche Intelligenz, die mit weltweiten Patientendaten trainiert wurde, irgendwann in der Lage sein, zu jedem Fall eine passgenaue Therapie zu empfehlen. „Was sich hier unaufhaltsam anbahnt, ist eine echte Zeitenwende.“
Zielgenauere Chemo jetzt auch bei schwer behandelbarem HER2-Krebs erfolgreich
Schon jetzt stehen Medizinern sehr gute Methoden zur Verfügung, um Brustkrebs zu behandeln. Eine Revolution in der Therapie sind etwa die Antikörper-Konjugate (ADC). Sie ermöglichen eine zielgenaue Chemotherapie, die direkt und äußerst wirksam an den Krebszellen ansetzt. Dazu werden körpereigene Antikörper mit hochdosiertem Zellgift versehen und über eine Infusion verabreicht. Die Antikörper docken an den Krebszellen an und töten diese ab. 2017 kam das erste ADC auf den Markt, inzwischen sind mehr Medikamente zugelassen. Weitere werden folgen. Besonders bei dem bislang nur schwer behandelbaren HER2-positiven Brustkrebs ist die Methode erfolgreich.
Chemo: Ja oder nein?
Viel getan hat sich auch bei der klassischen Chemotherapie, die mit hohen körperlichen Belastungen einhergeht: Sie ist nicht mehr zwingend Teil des Behandlungsplans. Denn inzwischen wissen Mediziner: Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs, vielmehr unterscheiden sich die Tumorzellen auch innerhalb dieser Krebsart. Und die Wahl der Behandlung hängt von den Faktoren ab, die das Wachstum des Tumors beeinflussen.
Geht es um die Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie, hilft heute ein Genexpressions-Test. Er zeigt, wie aktiv bestimmte Gene im Tumor sind. Auf dieser Grundlage berechnen Experten das individuelle Rückfallrisiko der Patientin. Ist es niedrig, kann auf die Chemo verzichtet werden. Zusätzlich geben Ärzte schon vier Wochen vor der Operation antihormonelle Arzneimittel und prüfen, ob dadurch die Wachstumsrate der Tumorzellen niedriger wird. „Dank dieser beiden Tests können wir jährlich rund 15 000 Frauen eine unnötige Chemotherapie ersparen“, erläutert Prof. Nadia Harbeck.
So wird das Rückfallrisiko bei Brustkrebs gesenkt
Wird Brustkrebs früh entdeckt, folgen auf die Operation häufig Bestrahlungen – insbesondere nach einer brusterhaltenden Operation – sowie, bei hormonabhängigen Tumoren, eine Antihormon-Therapie in Tablettenform, um das Rückfallrisiko zu senken. Die heute eingesetzten Bestrahlungsverfahren sind deutlich präziser und besser verträglich als früher. Dennoch kann es zu Erschöpfung und Hautreizungen kommen.
Bei bestimmten Patientinnen mit hormonrezeptorpositivem, HER2-negativem Brustkrebs (siehe unten) und erhöhtem Rückfallrisiko kann zusätzlich zur Antihormontherapie auch ein sogenannter CDK4/6-Inhibitor eingesetzt werden. Diese Medikamente hemmen das Tumorwachstum.
So groß die Fortschritte dank KI bei der Behandlung von Krebs auch sind: „Entscheidend ist und bleibt, dass der Tumor so früh wie möglich entdeckt wird.“
Das sind die häufigsten Brustkrebs-Arten
Tumor ist nicht gleich Tumor. Seine Beschaffenheit ist entscheidend für die Wahl der Therapie.
Duktales Karzinom
Hierbei entwickelt sich der Tumor in den Milchgängen der Brust. Diese Variante betrifft etwa 70 bis 80 Prozent der Patientinnen.
Lobuläres Karzinom
Dieser Tumor sitzt in den sogenannten Drüsenläppchen (ungefähr 10 bis 15 Prozent der Fälle).
Invasiver Tumor
Der Tumor hat sich bereits in angrenzendes Gewebe ausgebreitet.
In-situ-Karzinom
Eine Krebsvorstufe. Der Tumor befindet sich noch am Ort seiner Entstehung und kann nicht in umliegendes Gewebe eindringen, weil er die Basalmembran nicht durchbrochen hat. Dies ist eine Trennschicht im Gewebe.
Duktale carcinoma in situ (DCIS)
Diese veränderten Zellen (eine Brustkrebsvorstufe) treten in den Milchgängen auf. Jährlich erhalten etwa 6 000 Frauen die Diagnose.
Die drei Brustkrebs-Gruppen
Brustkrebs wird zudem in drei Gruppen eingeteilt, je nachdem, wie die Krebszellen wachsen:
HR-positiv bzw. HR+ (hormonabhängig)
Diese Tumore wachsen, weil sie auf bestimmte Hormone (Östrogen oder Progesteron) reagieren. Das betrifft etwa 70 Prozent aller Brustkrebserkrankungen.
HER2-positiv
Diese Krebszellen haben besonders viele Rezeptoren für das Wachstumsprotein HER2. Dadurch wachsen sie schneller. Etwa 15 Prozent der Fälle gehören zu dieser Gruppe. Fehlen die Rezeptoren, ist der Tumor HER2-negativ (HER2-).
Dreifach- bzw. Triple-negativ
Diese Tumore haben weder Hormon- noch HER2-Rezeptoren. Sie wachsen besonders schnell und machen etwa 15 Prozent aller Fälle aus.


