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HIV positiv und positiv durchs Leben – Interview

1997 erhielt Hildegard die Diagnose „HIV positiv“. Und heute? Lebt die 70-jährige Rentnerin und Aktivistin aus Lübeck ein Leben, das voller Glücksmomente ist. Und für das sie noch jede Menge Pläne hat.

©Gilead Sciences GmbH
©Gilead Sciences GmbH

Text: Beate Strobel

Die Videoleinwand an der U-Bahn-Station zeigt eine ältere Frau mit strahlendem Lachen, patenter Ausstrahlung, neugierigem Gesicht. „Ich habe #nochvielvor“, steht neben ihrem Kopf, und warum auch nicht, fragt man sich zunächst. Wer so gesund und glücklich aussieht wie die 70-jährige Hildegard aus Lübeck, der darf noch viel vom Leben erwarten, denkt man. Oder?

Hildegard ist HIV-positiv, ihr früherer Ehemann hat sie unwissentlich infiziert. Und auch das wurde 1997 nur per Zufall entdeckt, weil die Lübeckerin regelmäßige Blutspenderin war. Bis man ihr schrieb, dass sich eine Auffälligkeit in ihren Blutwerten gezeigt habe. Und sie zum Arztgespräch bat.

Katholisch, verheiratet, Mutter – und Aids?

„Panik“, sagt Hildegard, „dass ich mit dem Rücken zur Wand zu stehen und in Panik versinke“ – so fühlte sie sich, als der Arzt ihr die Diagnose „HIV-positiv“ mitteilte. Sie, eine heterosexuelle Frau Ende 40, streng katholisch erzogen, verheiratet, Mutter – und Aids? Das konnte doch gar nicht sein.

„Die ersten Monate nach der Diagnose waren ganz schrecklich“, erinnert sich Hildegard. Eine Phase erfüllt von Ängsten: Dass ihr die Lebenszeit davonrennt, dass ihr Sohn alleine aufwachsen muss, dass sie andere Menschen infizieren könnte. Doch darüber reden? Konnte sie zunächst nicht, „da war eine große Sprachlosigkeit, aber auch ein riesiges Schamgefühl in mir“. Fünf Jahre dauerte es, bevor Hildegard ihrer Familie und Freunden von der HIV-Infektion erzählte.

Das Gefühl, nicht allein zu sein

Hilfe und Unterstützung fand sie schließlich bei der Aids-Hilfe Lübeck; dort half man ihr mit Informationen, bei Arztgesprächen und auch ganz allgemein dabei, „die Tage zu überleben“.  Dort traf Hildegard auch andere HIV-positive Heterosexuelle und hatte erstmals das Gefühl, nicht die Einzige und alleine zu sein. Und irgendwann war sie dann soweit, dass sie sich bei der Aids-Hilfe selbst einbringen konnte.

Anderen zu helfen, half im Gegenzug auch Hildegard, „das hat mich wieder aufgebaut.“ Inzwischen ist sie Vorstandsmitglied bei der Lübecker Aids-Hilfe, leitet Treffen und Info-Veranstaltungen, berät HIV-Positive im Gefängnis. Vor allem für erkrankte heterosexuelle Frauen engagiert sie sich, einer Minderheit innerhalb der HIV-Infizierten. Sie kämpft gegen Stigmatisierung und Vorurteile in der Gesellschaft und für regelmäßige Blut-Tests auch bei Heterosexuellen „Dafür ist aber noch viel Aufklärung nötig!“

Glücksmomente zählen

Heute, mehr als 20 Jahre nach der Diagnose, fühlt sich Hildegards Alltag überraschend normal an. Mit nur zwei Tabletten täglich hält sie den HI-Virus in sich in Schach. Und täglich macht sie in ihren kleinen Taschenkalender ein oder auch zwei Kreuzchen. Jedes steht für einen Moment, an dem sie sich glücklich gefühlt hat. „Das sind oft nur Kleinigkeiten“, sagt sie – Augenblicke des Innehaltens, in denen sie sich bewusst macht, wie viel Schönes es doch auf der Welt gibt.

#nochvielvor ist eine Initiative des biopharmazeutischen Unternehmens Gilead Sciences, die über den Alltag mit HIV aufklären will. Hildegard hat nämlich tatsächlich noch viel vor: Gerade hat sie sich an der Uni für Philosophie eingeschrieben, außerdem plant sie eine Reise durch Österreich und an die Orte, an denen sie aufgewachsen ist. Der fünfte Urenkel ist zudem unterwegs. Und Zittergras möchte sie züchten, jenes Ziergras mit den herzförmigen Ährchen, das früher am Straßenrand wuchs, heute aber vom Aussterben bedroht ist. Pläne und Ideen zu haben – Hildegard hält das für unverzichtbar im Leben.

Wenn sie heute gefragt wird, wie es ihr geht, sagt sie fröhlich: „Mir geht‘s gut. Ich würde nicht tauschen wollen!“

Mehr zu Hildegard und Ihrer Geschichte gibt es auch auf youtube zu sehen.

 

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