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Wenn Männer die Lust verlieren

Studien zeigen: Immer mehr Männer jenseits der 50 verlieren die Lust am Sex. Wie Frauen damit umgehen können und ob Paare auch ohne Sex glücklich sein können, erklärt der renommierte Eheberater Hans Jellouschek.

©shutterstock.com/ Robert Kneschke
©shutterstock.com/ Robert Kneschke

Dr. Hans Jellouschek ist Paarberater mit eigener Praxis in der Nähe von Tübingen. Wir haben mit ihm gesprochen:

Experten-Interview „Wenn Männer die Lust verlieren“

Stimmt es, dass immer häufiger Ehepaare zu Ihnen kommen, bei denen die Frau sagt, ich würde schon gerne häufiger Sex haben, aber mein Mann …
JELLOUSCHEK: Ja, das stimmt. Gerade etwas ältere Frauen gehen heute ganz anders, offener, mit ihrer Sexualität um.

Aber wenn der Partner keine Lust auf Sex hat, fühlen sich viele ältere Frauen dann nicht verletzt, glauben, dass sie nicht mehr attraktiv genug sind …
JELLOUSCHEK: Bitte nicht erschrecken. Vordergründig heißt die Antwort ja. Auch viele Männer glauben, dass ihre nachlassende Lust mit der Partnerin zu tun hat. Denn wenn sie einen Seitensprung mit einer jüngeren Frau wagen, lodert ihre Sexualität wieder auf. Doch das ist nur vorübergehend. Weil die nachlassende Libido eben nicht an den Frauen, sondern an den Männern liegt. Ab der Lebensmitte nimmt ihr Bedürfnis nach Sex ab.

Das überrascht. Schließlich kennen wir doch alle das Klischee, dass Männer immer wollen. Was sind die Ursachen für die nachlassende Lust?
JELLOUSCHEK: Potenzprobleme oder Testosteronmangel spielen eine Rolle. Aber auch Übergewicht oder Stress. Nicht selten wirkt sich eine Krankheit (Diabetes oder Depression) negativ auf die Libido aus und der Mann weiß das oft gar nicht.

Was kann eine Frau tun, wenn sich ihr Mann sexuell zurückzieht?
JELLOUSCHEK: Es klingt banal. Aber das A und O ist ein offenes, ruhiges und liebevolles Gespräch.

… eines, das vielen sicherlich schwerfällt. Wie fängt man da am besten an?
JELLOUSCHEK: Wichtig ist, Verständnis zu zeigen. Der Satz „Schatz, ich mache mir Sorgen um deine Gesundheit …“ oder „Du ziehst dich in letzter Zeit häufig zurück. Geht es dir nicht gut?“ kann ein guter Einstieg sein. Das klingt nicht nach einem Vorwurf und setzt ihn nicht unter Druck.

Wie kann das Gespräch weitergehen?
JELLOUSCHEK: Die Partnerin sollte versuchen herauszufinden, wie es ihm wirklich geht. „Wie empfindest du deine nachlassende Lust? Wie ist das für dich? Was wünschst du dir? Was hast du für Fantasien? Was können wir ausprobieren?“ Das sind Fragen, die sie ihm stellen sollte. Aber natürlich sollte sie auch von sich erzählen. Von ihren Bedürfnissen und Wünschen. Aber nicht aggressiv werden. Bei Streit machen Männer dicht.

Erwarten Frauen jenseits der 50 im Bett zu viel von ihren Männern?
JELLOUSCHEK: Zum Teil ja. Das liegt vor allem daran, dass sich die Lust bei Männern und Frauen im Alter unterschiedlich entwickelt. Wenn Frauen die hormonelle Umstellung der Wechseljahre hinter sich haben, empfinden viele wieder stärker Lust. Hinzu kommt, dass die Kinder groß oder gar aus dem Haus sind, also nicht mehr stören. Frauen sind dann wieder offener für ihre Sexualität – und verunsichert, wenn der Partner weniger Lust hat als früher. Sie sollten aber im Hinterkopf behalten, dass das ganz normal ist.

Warum ist es in langen Ehen so schwer, die Lust dauerhaft wach zu erhalten?
JELLOUSCHEK: Menschen haben zwei grundlegende Bedürfnisse, die sich teilweise widersprechen: das nach Sicherheit und das nach Erregung. Ersteres suchen wir durch die Bindung an etwas Vertrautes, Letzteres durch den Kontakt zu etwas Fremden. Natürlich brauchen Ehen Nähe, Vertrautheit und Sicherheit. Anders wäre keine Lebensgemeinschaft möglich. Aber Sexualität braucht ein Stück Fremdheit und Distanz. Deshalb ist es wichtig, dass beide Partner Wert auf Eigenständigkeit legen, ihre eigenen Interessen, Hobbys und Freundschaften pflegen. Jeder muss ein Individuum bleiben. Denn zu viel Nähe, zu viel Vertrautheit und Sicherheit kann die Lust auf den anderen, die Leidenschaft töten.

Das klingt in der Theorie einleuchtend, was ist etwa mit Paaren, die seit Jahren nicht miteinander geschlafen haben?
JELLOUSCHEK: Sie sollten in jedem Fall versuchen, ihre Lust aufleben zu lassen. Denn Sexualität schafft Nähe. Fehlt sie, droht ein Paar sich zu entfremden. Wichtig ist ein Neubeginn in kleinen Schritten; Händchen halten beim Spazierengehen, kuscheln beim Fernsehen. Keiner sollte sich den Annäherungsversuchen des anderen verschließen. Denn: Der Appetit kommt oft, wie man so schön sagt, beim Essen. Das gilt auch für Sex.

Was kann beim „Appetit holen“ helfen?
JELLOUSCHEK: Experimentierfreude. Ausprobieren. Auch Hilfsmittel wie Viagra, Erektionshilfen oder Gleitcremes als Möglichkeit zulassen. Es gibt keine Verbote. Das Paar muss sich auf einen experimentellen Weg begeben ohne Tabus. Es geht nur darum, womit sich die Partner wohlfühlen.

Glücklich ohne Sex?

Sicher gibt es auch Paare, die mit solchen Tipps nichts anfangen können, die sich als glücklich bezeichnen, auch ohne Sex. Machen die sich etwas vor?
Jellouschek: Es kann sein, dass sie ihr Unbefriedigtsein verdrängen, es muss aber nicht so sein. Sehen Sie, wir sind alle Individuen. Nicht für alle Menschen ist Sexualität gleich bedeutsam.

Sie sind sich sehr vertraut, haben viel miteinander erlebt – und eine neue Form der Zärtlichkeit gefunden. In der neuen Frau im Leben erzählen drei Paare, warum sie sich auch ohne Sex lieben und welche Paar-Rituale ihnen wichtig sind.

Die Ausgabe 8/2020 von Frau im Leben gibt es ab 1. Juli im Handel oder hier online.

 

Letzte Version vom 30. Juni 2020

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