„Mir fehlt der Schwung, ich fühle mich häufig bedrückt, mein Selbstvertrauen ist am Boden.“ Wer seinem Arzt dies sagt, bekommt häufig ein Mittel gegen Depressionen, sogenannte Antidepressiva, verschrieben. Allein in den letzten 15 Jahren 80% mehr! Doch ist das immer nötig?

Oft steckt hinter einer Depression auch eine dauerhafte innere Unruhe. Prof. Dr. Harald Gündel ist ärztlicher Direktor für psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. Er verrät, was man auf keinen Fall bei innerer Unruhe tun sollte: die Zähne zusammenzubeißen und still vor sich hin zu leiden. Wir haben mit ihm gesprochen:

Experten-Interview „Was tun bei innerer Unruhe“

Was kann man als Betroffener machen, wenn die innere Unruhe zum Dauerzustand wird?

GRÜNDEL: Dann sollte man zum Hausarzt. Zeigt dieser kein Verständnis, lieber eine Zweitmeinung einholen oder sich gleich zum Facharzt überweisen lassen. Das Wichtigste ist jedoch, innere Unruhe überhaupt wahrzunehmen. Es hilft nicht, die Zähne zusammenzubeißen und bis zur Erschöpfung zu ertragen.

Wie können Ärzte überhaupt bei innerer Unruhe helfen?

GRÜNDEL: Die Wahl der Behandlung hängt immer individuell von der betroffenen Person ab. Vielleicht könnte eine Psychotherapie notwendig sein, vielleicht aber auch nicht. Wozu ich aber wirklich immer raten würde, sind Entspannungstechniken: Yoga, Meditation und Achtsamkeitsübungen. Diese Tätigkeiten wirken nicht nur auf die Symptome, sondern direkt auf das überreizte Nervensystem. Das ist medizinisch belegt. Besuchen Sie einen Kurs, wenn Sie nicht wissen, wie es funktioniert – so erlernt man die jeweilige Technik richtig. Auch Ausdauersport hilft. Aber vergessen Sie über diese Tätigkeiten nicht, sich zu fragen: „Was ist eigentlich der Ursprung meiner Unruhe?“ Denn dort müssen Sie beginnen, sich selbst zu helfen.

Was sind die Folgen von dauerhafter, innerer Unruhe?

GRÜNDEL: Das Nervensystem überreizt, der Körper schüttet mehr Stresshormone aus. Auch die Muskeln und Organe sind im Alarmmodus – der gesamte Körper leidet darunter. Eine chronische Dauer-Anspannung kann so entstehen. Diese wiederum erhöht deutlich das Risiko für die Verstopfung von Blutgefäßen und damit für Herzinfarkt und Schlaganfälle sowie für entzündliche Erkrankungen im Allgemeinen. Eine neue Studie zeigt dies in aller Deutlichkeit: Stress schadet Menschen, die bereits Herzprobleme haben, fast genauso stark wie Rauchen. Arbeitsstress wiederum verursacht sogar mehr Todesfälle als erhöhte Cholesterinwerte, Übergewicht und Alkohol. Um dem vorzubeugen gilt: Kümmern Sie sich um Ihr Stresslevel.