Kann Weizen Diabetes, ja sogar Demenz auslösen? Der renommierte Ernährungsexperte Prof. Hans Hauner von der TU München hat überaus erstaunliche Antworten für uns parat:

Ist Brot gefährlich? Experten-Interview

Herr Prof. Hauner, als Ernährungsmediziner beschäftigen Sie sich seit vielen Jahren da mit, wie Lebensmittel auf unsere Gesundheit wirken. Neuerdings verkaufen sich Bücher besonders gut, die Weizen verteufeln. Essen Sie noch guten Gewissens Brot?

PROF. HAUNER: Natürlich und es schmeckt mir nach wie vor sehr gut. Aber ich weiß, worauf Sie anspielen. Auch ich kenne diese Thesen, mit denen vor allem amerikanische Autoren derzeit viele Menschen verunsichern. Aber ich kann Ihnen versichern, die Argumente gegen Brot und Weizen sind wissenschaftlich nicht haltbar.

In dem Buch „Weizenwampe“ sagt beispielsweise der Autor William Davis, dass Menschen zu dick sind, weil sie zu viele Kohlenhydrate essen, vor allem aus Weizenprodukten …

PROF. HAUNER: Dass Weizen grundsätzlich dick macht, stimmt nicht. Wenn Sie auf Dauer mehr Kalorien essen, als Sie verbrennen, dann nehmen Sie zu. Dabei spielt es keine Rolle, aus welcher Quelle die Kalorien stammen. Zu viel Brot kann genauso dick machen wie zu viel Fleisch, Käse oder Limonade. Und machen wir uns nichts vor, die meisten von uns haben Übergewicht, weil sie insgesamt zu viel essen und sich viel zu wenig bewegen.

Trotzdem schwören viele Menschen darauf, Kohlenhydrate, also auch Brot, wegzulassen, um rasch abzunehmen.

PROF. HAUNER: Tatsächlich gibt es Studien, die belegen, dass man mit einer kohlenhydratarmen Diät gut abnehmen kann. Genauso gibt es aber auch Studien, die zeigen, dass Diäten effektiv sind, die relativ viele Kohlenhydrate enthalten, dafür fettarm sind. Entscheidend ist, dass man Kalorien einspart und durch regelmäßiges Bewegen mehr verbrennt.

Was ist mit dem Argument, dass Gluten in Weizen den Darm schwer krank macht?

PROF. HAUNER: Dem will ich gar nicht widersprechen. Aber das betrifft nur 0,5 bis 1 % der Bevölkerung. Diese Menschen haben die Krankheit Zöliakie – sie ist genetisch bedingt und tritt meist schon in der Kindheit auf. Wenn die Betroffenen Gluten essen, bekommen sie ernste Beschwerden. Ihr Dünndarm entzündet sich chronisch und kann Nährstoffe nicht mehr richtig aufnehmen. Das Kleber-Eiweiß Gluten kommt übrigens nicht nur in Weizen vor, sondern auch in Roggen, Dinkel, Hafer und einigen anderen Getreidesorten.

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Laut Umfragen geben aber nicht nur 1%, sondern 30% der Bevölkerung in Deutschland an, auf Gluten sensibel zu reagieren!

PROF. HAUNER: Diese Zahl scheint mir ziemlich hoch gegriffen. Wissenschaftlich gesichert ist, dass neben den Menschen mit Zöliakie noch etwa 5 % der Bevölkerung auf Weizen bzw. Getreide sensibel reagieren, etwa mit Übelkeit, Blähungen oder Migräne.

Dann bilden sich viele also nur ein, dass Getreideprodukte Beschwerden verursachen?

PROF. HAUNER: Ich erkläre mir das Phänomen so: Neben den reißerischen Büchern kennt inzwischen jeder jemanden, der glaubt, auf Gluten empfindlich zu reagieren. Gleichzeitig tauchen in unseren Supermärkten immer mehr spezielle Lebensmittel auf, die damit werben, dass sie glutenfrei sind. So entsteht bei vielen Menschen der Eindruck, dass Gluten ein schädlicher Stoff ist, den es zu meiden gilt.

Wie findet man denn sicher heraus, dass man tatsächlich kein Gluten verträgt?

PROF. HAUNER: Das kann ein Arzt mit einer Untersuchung des Blutes und ggf. einer Gewebeprobe aus der Schleimhaut des Dünndarms eindeutig feststellen. Für die Sensitivität gibt es diese Tests nicht. Tipp: Führen Sie für etwa eine Woche ein Ernährungs-Tagebuch mit allem, was Sie essen, und notieren Sie, welche Beschwerden in den Stunden danach auftauchen. So können Sie ermitteln, ob sie durch glutenhaltige Lebensmittel ausgelöst werden könnten.

In den Büchern wird auch gesagt, dass Brot aus Weizen das Risiko für Diabetes erhöht.

PROF. HAUNER: Diese Schlussfolgerung halte ich für völligen Quatsch. Hier wird fälschlicherweise zugrunde gelegt, dass unser Körper krank wird, weil er keine größeren Mengen an Kohlenhydraten verarbeiten kann. Angeblich, weil unsere Vorfahren in der Steinzeit nur Fleisch und Beeren, aber kein Getreide verzehrten.

Aber das stimmt doch, oder?

PROF. HAUNER: Nein. Wir wissen mittlerweile, dass der Mensch schon sehr früh, also weit früher als vor 10 000 Jahren, damit anfing, Getreide zu sammeln und zu essen. Das bedeutet, dass unser Verdauungssystem schon seit sehr langer Zeit an den Verzehr von Kohlenhydraten angepasst ist. Nicht vom Weizen bekommt man Diabetes, sondern weil man übergewichtig ist, sich zu wenig bewegt und eine genetische Veranlagung dazu hat.

Aber selbst in seriösen Ernährungsempfehlungen heißt es doch immer, Weißbrot sei ungesund?

PROF. HAUNER: Das stimmt auch, wenn man reichlich davon isst. Denn Weißbrot enthält kaum Ballaststoffe und lässt deshalb den Blutzucker rasch in die Höhe schnellen. Anders ist das bei Brot und Produkten aus Vollkorn. Das Verdauungssystem braucht bei ihnen wesentlich länger, um die Kohlenhydrate ins Blut zu schleusen. Dadurch muss die Bauchspeicheldrüse insgesamt weniger Insulin produzieren, um den Blutzucker auf gesunde Werte zu regulieren.

Sie sprechen den erhöhten Blutzucker durch Weißbrot an – in den Büchern heißt es, dass dadurch Demenz ausgelöst werden kann …

PROF. HAUNER: Auch das stimmt nicht. Weißbrot allein löst ganz sicher keine Demenz aus. Allerdings haben wir beobachtet, dass Diabetiker im weiteren Lebensverlauf eher dement werden als Menschen ohne Diabetes. Auch Übergewicht erhöht das Risiko, dement zu werden. Die genauen Ursachen der Demenz kennen wir aber noch nicht.

Also kann man Brot weiter unbeschwert genießen?

PROF. HAUNER: Ja, aber bevorzugen Sie Vollkornbrot. Es ist reich an gesunden Nährstoffen aus den Randschichten der Getreidekörner. So ein Brot hilft sogar, gesund zu bleiben.

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