Wie fühlen sich minus 100 Grad Celsius an? Und tut Bibbern dem Körper tatsächlich gut? Redakteurin Martina Dankof hat es in einer Kältekammer ausprobiert und ist erstaunt über die Wirkung.

Martina Dankof

Mütze, Schal, Socken, Handschuhe – und einen Bikini. Ich packe meine Tasche für einen Besuch in der Kältekammer. Was bisher vor allem Profi-Fußballer zur Regeneration ihrer Muskeln nutzen oder Hollywood-Schauspieler als Anti-Aging-Methode preisen, gibt es mittlerweile für jedermann in ganz Deutschland.

Sogenannte Kryo-Kammern (kryo ist griechisch und steht für Kälte) sollen mit einer Temperatur von minus 100 Grad Celsius die Abwehrkräfte stärken und Entzündungen schneller abklingen lassen. Ich erhoffe mir in Corona-Zeiten einen Schub für mein Immunsystem. Außerdem bin ich gespannt, wie sich die Temperaturen auf meine linke Hüfte auswirken. Der fehlt laut MRT-Befund zwar nichts, aber sie schmerzt trotzdem seit Langem immer wieder und rea­giert auf Stehen empfindlich. Um akute Beschwerden zu lindern, tat mir Wärme bisher gut. Aber vielleicht wird es durch die Kälte auf Dauer besser?

Ich probiere den Augsburger Anbieter Cryoboost aus. Jeweils drei Minuten dauert ein Aufenthalt. Direkt vor dem Gang in die Kältekammer darf ich weder eine Körperlotion benutzt noch ein Solarium besucht haben. Sonst ist nichts zu beachten. Im Bikini und mit Mütze, Schal, Handschuhen sowie Socken geht es zunächst für rund 20 Sekunden in eine Vorkammer, die „nur“ auf minus 60 Grad Celsius heruntergekühlt ist. Erst dann darf ich für ganze drei Minuten in den eigentlichen Raum, in dem knapp minus 102 Grad Celsius herrschen.

Beim Eintreten in die erste Kammer bin ich froh um jedes Stück Stoff, das ich trage. Wer hätte gedacht, dass selbst ein Bikini schützt? Memo an mich selbst: für den nächsten Termin einen Badeanzug kaufen! Dann konzentriere ich mich darauf, entspannt zu atmen, und öffne auf ein Signal hin die Tür zur eigentlichen Kältekammer.

Ein Mitarbeiter hat alles im Blick

©Patrizia Rommel

Ich beginne, langsam im Kreis zu gehen – meine ruhigen Bewegungen sind auch ein Signal an den Mitarbeiter, dass alles in Ordnung ist. Im Notfall könnte dieser durch eine zweite Tür direkt zu mir gelangen. Über ein Fenster haben wir zudem Sichtkontakt und es gibt eine Kamera im Inneren, die alles überwacht. Alle 30 Sekunden bekomme ich über den Lautsprecher die Zeit angesagt. Nach einer Minute spüre ich die Kälte heftig an den Schienbeinen und Armen. Interessanterweise friere ich jedoch weder am Bauch noch am Rücken. Der Körper zieht tatsächlich sofort alles Blut in die Körpermitte, um die Organe warm zu halten. Deshalb sind auch Schuhe, Socken, Mütze und Handschuhe ein Muss. Denn die Extremitäten werden, sobald das Gehirn den Kältereiz wahrnimmt, weniger durchblutet. Der ganze Organismus läuft im Überlebens-Modus.

Ist man aus der Kältekammer raus, läuft der Prozess in die andere Richtung ab: Das Blut wird in alle Körper-Bereiche gepumpt. Da die Gefäße in den Armen und Beinen noch verengt sind, entsteht für kurze Zeit ein Unterdruck. So kommt es, dass Entzündungen gelöst werden, kleine Verletzungen besser heilen oder stark beanspruchte Muskeln sich deutlich schneller erholen.

Der Stoffwechsel läuft auf Hochtouren

Dann höre ich zum Glück die Ansage „Letzte Minute“. Endlich! 180 Sekunden können sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlen. Deshalb gehen Anfänger am besten zu zweit in die Kältekammer, so verfliegt die Zeit einfach schneller.
Wieder in der warmen Welt angekommen, bin ich fassungslos darüber, wie kalt minus 100 Grad tatsächlich sind – was hatte ich erwartet? –, und gleichzeitig begeistert über die Erfahrung. Weil es unvorstellbar ist. Ich friere auch weiterhin nur an den Beinen und Armen, nach heißem Tee oder warmer Dusche ist mir nicht. Nur meine Hüfte protestiert und findet, dass ein Sauna-Besuch die bessere Wahl gewesen wäre. Aber um Entzündungen auszukurieren, seien mehrere Besuche in der Eiseskälte nötig, erklärt mir der Mitarbeiter.

Ich sehe vor allem an den Beinen, wie die Durchblutung meiner Haut angeregt ist. Und ich merke, dass ich Hunger habe. Der Stoffwechsel scheint also auf Hochtouren zu laufen und deshalb kann die Ganzkörper-Kältetherapie, kurz GKKT, auch zur gesteigerten Fettverbrennung oder einer strafferen Haut beitragen.

Vorsicht bei diesen Beschwerden

Ein Besuch in der Kältekammer ist nicht geeignet für Menschen mit Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Nierenleiden, akuten Nasen-Nebenhöhlen-Entzündungen, Augenerkrankungen, Hexenschuss oder Thrombosen. Im Zweifel gilt: Fragen Sie Ihren Hausarzt!

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